Stadtplanung in Frankfurt – muss das so aussehen?

Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung  mit dem in Holland tätigen Stadtplaner Jan Knikker. Er wurde in Bad Soden geboren


und arbeitet in einem Architektenbüro in Holland. Knikker wirbt für die „kompakte Stadt“, sprich: mit möglichst viel Grün in die Höhe bauen. In Frankfurt sei kein Leben, wenn im Bankenviertel die Büros schließen, findet er.

 
Alle reden derzeit von der neuen, kompakten, dichten Stadt, Sie ebenfalls. Wollen das tatsächlich auch die Bewohner der Städte oder nur die Architekten und Stadtplaner?
 
Gerade in Deutschland sind die Menschen doch umweltbewusst. Und die kompakte Stadt ist einfach viel umweltfreundlicher als alle anderen Stadtmodelle. Manhattan ist eine der umweltfreundlichsten Städte und sehr erfolgreich. So viele Leute wollen dort wohnen, dass es immer teurer wird und es sich kaum noch einer leisten kann. Das Problem von New York sind die Vorstädte, die den positiven ökologischen Fußabdruck der Stadt zunichtemachen.
 
Soll Frankfurt wie Manhattan werden?
 
Nein. Wir sagen: So wie heute die verdichtete Stadt gestaltet wird, ist es nicht gut oder zumindest nicht gut genug. Wir müssen versuchen, die enorme Qualität der Vorstadt – da gibt es einen Apfelbaum, man kann barfuß aus der Küche in den Garten hinauslaufen – zu stapeln. Sprich: in die Höhe zu bauen und dennoch grüne Balkone und Terrassen zu schaffen. Das könnte die Menschen von der kompakten Stadt überzeugen. Man hätte die Vorteile der Vorstadt, aber man bräuchte kein Auto mehr, um zum Supermarkt zu fahren. Man nähme einfach den Aufzug.
 
Das ist nicht Ihr Ernst.
 
Natürlich, alles ist möglich. Es ist, wie so oft, natürlich eine Geldfrage. Es ist auch eine politische Frage. Wenn wir uns entscheiden, den Verbrauch von landwirtschaftlichen Flächen und Natur verringern zu wollen, dann ist die dichte, kompakte Stadt die Antwort.
 
Dann haben die einen den Garten in der Stadt und andere nur noch eine dunkle Wohnung im Parterre.
 
Das muss so nicht sein. In Singapur etwa gibt es unglaublich viele gute Beispiele, wie man mit hoher Qualität dicht bauen kann. Die haben kein Land mehr. Sie müssen in die Höhe bauen, fügen aber ihre tropische Natur auf allen möglichen Ebenen in die Gebäude ein. Vielleicht ist das ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie es geht. Und auch in Singapur wird unglaublich gut sozial gebaut, mit Gärten, sogar im zehnten oder zwanzigsten Stock. Es geht schon. Wo ein Wille ist …
Im Rhein-Main-Gebiet soll man sich an solchen Beispiel orientieren?
 
Oder wollen wir uns an Los Angeles gewöhnen, dass ganz Südhessen ein großer Brei von Vorstädten wird? Ist es das, was wir wollen? Ich glaube, wir müssen das, was noch an Landschaft vorhanden ist, bewahren. Ich bin kürzlich durch den Vogelsberg gefahren. Seit 20 Jahren das erste Mal wieder. Ich habe gesehen, dass die ganzen Bauern weg sind und vor den Häusern überall Autos mit Frankfurter Kennzeichen stehen. Das ist also auch schon Vorstadt geworden. Wir müssen wirklich vorsichtig sein, dass wir nicht das gesamte Land zubetonieren mit individuellen Wohnwünschen. Wenn ich ein Reihenhaus oder ein frei stehendes Haus auf dem Land mit Garten haben will, dann ist das mein Wohnwunsch. Aber wenn eine Million Menschen das haben, ist das ein Problem. Da müssen wir irgendetwas machen.
 
Haben die Projekte, die Ihr Büro in den Niederlanden, in Mainz, Mannheim oder Kiel realisiert, tatsächlich den Maßstab von New York oder Singapur?
 
Nein. Kleinere Städte sind ohnehin viel lebenswerter als diese Giganten. Wenn ich in London oder Paris bin, wird mir persönlich immer eher mulmig, wenn ich spüre, wie dicht gedrängt ich mich etwa im öffentlichen Nahverkehr bewegen muss. Ich glaube, gerade auch im Rhein-Main-Gebiet mit seiner polyzentrischen Struktur müssen wir keine Angst haben, dass die Städte große Moloche werden. Noch können wir gut stapeln.
 
Warum finden wir die von Ihnen beschriebenen Gebäude mit hoher Lebensqualität derzeit so wenig in den Städten?
 
Weil das Bewusstsein noch nicht durchgedrungen ist, dass der Freiraum, die Natur, die landwirtschaftliche Fläche wertvoll ist. Wir haben es noch nicht begriffen, dass dort nicht gebaut werden sollte. Derzeit lebt Deutschland beim Flächenverbrauch über seine Verhältnisse. Wenn tatsächlich weniger Flächen verbraucht werden sollen, müssen alle anfangen darüber nachzudenken, wie wir Menschen in die Städte bringen.
 
Hessen hat das Ziel, täglich nur 2,5 Hektar zu bebauen, tatsächlich wird fast das Doppelte in Anspruch genommen. Wie kommen wir zu den neuen Qualitäten in der Stadt, zur grünen Dachterrasse, zum Apfelbaum?
 
Die Städte müssen viel mutiger von den Investoren Stadtqualität einfordern. Ein Investor bekommt die Erlaubnis, 100 Wohnungen zu bauen, und die Stadt sagt, wir bieten dir die Möglichkeit, 200 zu bauen, aber dafür kommt ein Restaurant aufs Dach, ein Park in die Mitte und vielleicht dazu noch ein Museum. Investoren wollen Geld verdienen, das liegt in ihrer Natur. Aber sie bringen auch privates Geld in die Stadt. Das ist unglaublich wichtig. Nur könnte man den Einsatz dieses Geldes vielleicht ein bisschen mehr lenken, so dass alle zufrieden sind. Die Städte sollten mehr über das Wohl ihrer Bürger nachdenken.
 
Sie werfen den Städten vor, dass sie derzeit beispielsweise nur den Wohnungsbau im Blick haben, aber nicht ausreichend den Gesamtorganismus Stadt?
 
Ja, genau. Wo werden die Neubürger ins Restaurant gehen? Wo in den Park? Wo sind die Schulen? Wie kommen sie zur Arbeit? Wird es zusätzliche Staus geben? Es ist so unglaublich komplex, die Stadt sollte für jedes neue Gebäude eine Qualitätsanalyse machen und sich fragen, wie die Menschen ihr Leben einrichten und wer dort wohnen wird.
 
Das klingt so, als ob man mit Investoren unglaublich gut verhandeln kann. Ist das Ihre Erfahrung?
 
Das geht in vielen Städten, wo die Preise sehr hoch sind. Dort haben die Verantwortlichen das in der Regel auch begriffen. In Deutschland funktioniert das noch nicht wirklich. Dabei könnte das gerade in Deutschland, wo die Preise so hoch sind und eigentlich ein unglaublicher Gemeinschaftssinn herrscht, gut funktionieren.
  
Haben Sie dafür eine Erklärung?
 
Nein. Das verstehe ich wirklich nicht.
Ihr Büro hat in Rotterdam ein Projekt realisiert, das die von Ihnen geforderten Kriterien erfüllt: die 2014 eröffnete Markthalle.
 
Das ist eine Idee der Stadt Rotterdam gewesen. Sie wollte ein Stadtviertel durch eine täglich geöffnete Markthalle lebendiger gestalten: sieben Tage die Woche 24 Stunden geöffnet. Die Stadt hat dazu sechs Investoren eingeladen. Der Gewinner war ein Investor mit unserer Idee. Wir haben ein wirtschaftlich
sehr interessantes Objekt geschaffen, weil wir Wohnungen als Wände der Markthalle gebaut und Penthouse-Wohnungen als Dach genommen haben. Auf diese Weise haben wir als Beiprodukt eine riesige Markthalle mit den Maßen von 45 Meter Breite, 120 Meter Länge und 45 Meter Höhe geschaffen. Der Investor war sehr schlau. Da die Stadt selbst nicht investieren wollte, hat er sich mit einer gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft zusammengetan, die ungefähr die Hälfte der Wohnungen gekauft hat. Das war das Startkapital, die andere Hälfte wurde an Privatleute verkauft.
 
Wie wird die Halle angenommen?
 
Sie ist ein riesiger Erfolg geworden. Wir haben das anfangs gar nicht so verstanden. Heute ist sie eine Touristenattraktion, mit derzeit vier Millionen Besuchern aus Rotterdam und noch einmal so vielen Touristen. Zusammen sind das acht Millionen Besucher im Jahr, das sind mehr, als der Eiffelturm hat. Die Halle wurde zum Symbol für Rotterdam. Sie ist aber auch zum Wohnzimmer der Stadt geworden, viele halten sich dort tagsüber auf – auch mein 17 Jahre alter Sohn. Wenn es regnet, was in Rotterdam ziemlich oft der Fall ist, haben die Leute einen Ort, an dem sie sich wohl fühlen.
 
Funktioniert auch das Wohnen?
 
Das Gebäude hat 20 verschiedene Wohnungstypen: für Leute mit relativ bescheidenen Einkommen bis zu sehr hohen. Dort lebt ein Querschnitt der Rotterdamer Bevölkerung. Das sollte es in der Innenstadt unbedingt geben. Die Stadt braucht diesen Mix, sonst ist die Stadt irgendwann nicht mehr gut.
 
Diejenigen, die dort Wohnungen gekauft haben, sind vermutlich Menschen, die Lust haben, etwas auszuprobieren. Aber es soll doch nicht jeder in einem solchen Gebäude wohnen müssen.
 
Nein, es muss und soll dort auch nicht jeder wohnen wollen. Rotterdam ist eine Stadt mit 750 000 Einwohnern, mit einem Einzugsgebiet von 1,5 Millionen Menschen – alles ziemlich vergleichbar mit Frankfurt. Zum Markthallenkomplex gehören ja nur 228 Wohnungen. Das heißt, man kann es sich als Stadt und als Investor leisten, so ein Experiment zu wagen. Die Wohnungen wurden im Endeffekt in drei Monaten verkauft. Ruck, zuck. Weil es genug Leute gibt, die denken: Wow, ich will in einem Markt wohnen. Wir dachten anfangs, das sind sicher junge Leute, die dort hinziehen wollen. Im Endeffekt sind es die Älteren, die sich in der Vorstadt gelangweilt haben und mitten in der Stadt wohnen wollten. Das tut der Stadt gut, und in den Vorstädten ist wieder Platz für junge Familien.
 
Sie sind Niederländer, kennen aber das Rhein-Main-Gebiet gut – Bad Soden ist Ihr Geburtsort. Entdecken Sie in Frankfurt den Städtebau, den Sie sich wünschen?
 
Das kann ich nicht beurteilen. So gut kenne ich die Stadt nicht. Die Frankfurter Innenstadt gilt in Holland oft als Beispiel, wie wir nicht leben wollen. Weil zwar alles sehr sauber, adrett und gut ist, mit schöner Architektur und schönen Straßen, es aber zu wenig Leben gibt. Wenn im Bankenviertel die Büros schließen, dann schließt das gesamte Viertel. Dann ist die Stadt immer noch
sauber und sicher, aber ist das die Stadt, die wir wirklich wollen? Sollte man das nicht besser durchmischen? Damit die Stadt eine 24-Stunden-Stadt wird? Warum zieht man denn in die Stadt? Doch nicht, um sich zu langweilen.

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